Design und Digitalisierung

Mit der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz durchdringen Technologien alle Bereiche des Lebens. Aber steigert die liquide Komplexität der Wirtschaft und Gesellschaft auch zugleich unsere Lebensqualität? Oder verdampfen unter dem Veränderungsdruck alle bisherigen Gewissheiten?

Gute neue Ideen kommen doch in den letzten beiden Jahrzehnten nur noch aus den Garagen – so lautet das machtvolle Narrativ der kalifornischen Ideologie. Hier hat sich mit der Zeit in der Öffentlichkeit ein falscher Gegensatz aufgebaut: Hier die großen Unternehmen mit ihrer trägen bürokratischen Organisation, die wie eine widerstandsfähige Lehmschicht hierarchisch und autoritär jede Erneuerung im Keim erstickt – und dort die flinken Start-ups, die als geniale Einzelkämpfer großartige neue Produkte erfinden und gegen die herrschende Meinung und Marktmacht durchsetzen.

Wenn wir die Rolle des Designs in der digitalen Transformation neu bestimmen, dann müssen wir als Designer zunächst einmal die Welt, in der wir leben, präzise beschreiben. Die Digitalisierung betrifft uns alle, verändert Wirtschaft, Gesellschaft und unsere Demokratie. Die Digitalisierung bestimmt die Art und Weise, wie wir künftig arbeiten und leben. Was die digitale Transformation für die Wirtschaft bedeutet ist klar: sie steht an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution, daher ist die Situation historisch.

Durch das Internet getrieben, wachsen reale und virtuelle Welt zusammen. In welcher Geschwindigkeit und in welchem Ausmaß, haben wir mit der Einführung der Smartphones und Tablet-Computern erlebt: Hier verschmolzen Telekommunikations- mit Informationstechnologien und dem digitalisierten Content, der von der Disruption ganzer Branchen gespeist wurde – Fotografie, Musik, Film, Medien etc. Mit dem Ergebnis, dass innerhalb weniger Jahre große Teile der Wertschöpfung der Telco Unternehmen Europas in das Silicon Valley wanderten, weil dort Apple und Google Lösungen entwickelten, die auf die Bedürfnisse der Kunden einfach besser abgestimmt waren.

„Der Designer ist wichtiger Vermittler zwischen Technologie und Lebenswelt.“

Die Verschmelzung der physikalischen Welt mit dem Cyberspace geht immer weiter. Dabei spielen eingebettete Systeme aus Elektronik und Software eine wichtige Rolle als maßgebliche Innovationstreiber für Export- und Wachstumsmärkte der deutschen Industrie. Sie erweitern entscheidend die Funktionalität und damit den Gebrauchswert sowie die Wertschöpfung von Fahrzeugen, Flugzeugen, von medizinischen Geräten, von Produktionsanlagen und Haushaltsgeräten – Stichwort: Industrie 4.0 oder Industrial Internet. Schon heute arbeiten etwa 98 Prozent der Mikroprozessoren eingebettet, über Sensoren und Aktoren mit der Außenwelt verbunden. Zunehmend werden sie untereinander und in das Internet vernetzt.

»Die Fabrik der Zukunft ermöglicht Mass Customization: die Herstellung hoch individualisierter Produkte unter den kostengünstigen Bedingungen der Massenproduktion.«

Es entstehen Cyber-Physical Systems, die Teil einer zukünftig global vernetzten Welt sind, in der Produkte, Geräte und Objekte miteinander interagieren. Mithilfe von Sensoren verarbeiten diese Systeme Daten aus der physikalischen Welt und machen sie für netzbasierte Dienste verfügbar, die durch Aktoren direkt auf Vorgänge in der physikalischen Welt einwirken können. Eine Mammut-Aufgabe für das Design, sofern hier Mensch-Maschine Interfaces existieren. Allein in der Produktion erschließen Cyber-Physical Systems enorme Effizienzgewinne. Dezentrale Produktionsstrukturen werden möglich – bis hin zum Konsumenten, der mit Hilfe der 3D-Druck-Technologien selbst zum Umweltgestalter und Produzenten wird. Die Fabrik der Zukunft integriert künftig Produktion, Zulieferketten und individuelle Kundenwünsche in Echtzeit. Mit dieser Mass Customization wird die Herstellung von hoch individualisierten Produkten unter den kostengünstigen Bedingungen der Massenproduktion möglich.

»Design baut Brücken zu den Kunden.«

Wenn Innovationen den Markterfolg treiben, wer treibt dann im Unternehmen die Innovationen strategisch voran und koppelt sie an die Lebenswelt der Kunden und Verbraucher? Das Design kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Design hat im Gegensatz zu jeder klassischen Unternehmensberatung die empirische Grundlage und die kreative Fantasie, die Zukunft zu beschreiben. Denn Design kennt die Bedürfnisse der Kunden und kann Szenarien für Anwendungen antizipieren und in Prototypen umsetzen, die in einem agilen Prozess immer wieder mit den Kundenbedürfnissen abgestimmt werden. Design baut nach außen Brücken zu den Kunden und ist intern der Schlüssel zur strategischen Steuerung von Innovationsprozessen in komplexen Strukturen. Und zwar nicht im klassischen Verständnis von Design, das Produkten eine Gestalt gibt und Technologien an den Schnittstellen zu den Menschen humanisiert, sondern Design als Kulturtechnik.

Mit Design als Kulturtechnik gelingt es überhaupt erst, alle Mitarbeiter in einer Organisation für Innovationen zu begeistern, ihnen Freiräume und Tools zu geben, damit sie kreatives und disruptives Denken wagen, zu Veränderungen bereit sind und auch das Risiko eingehen, zu scheitern. Design Thinking hat diese Kulturtechnik für Unternehmen verfügbar gemacht und spielt in der Unternehmensstrategie von innovationsgetriebenen Konzernen oft eine führende Rolle. Wenn Design zu einer relevanten Säule der Unternehmensführung geworden ist, dann bekommt sie eine Leadership-Funktion.

Design-Leadership bedeutet, dass sich das Topmanagemnt systematisch mit dem Wandel und den Trends in Technologie und Gesellschaft auseinandersetzt und aus diesem Verständnis heraus neue Wachstumsmöglichkeiten und innovative Anwendungsmöglichkeiten entwickelt. Dazu kommt die Kernaufgabe jedes Unternehmers: die intelligente Kombination der kreativen Talente mit den nötigen Zukunftsinvestitionen.

Es geht jedoch nicht nur um die Transformation analoger Märkte in digitale Markte, um innovative Produkte, Dienste und Geschäftsmodelle oder um den technologischen Fortschritt, der ungeahnte Chancen für neues Wirtschaftswachstum und für mehr Lebensqualität ermöglicht, sondern auch um den unmittelbaren Gestaltungsbereich des menschlichen Lebens. Auch der Mensch wird mit immer vielfältigeren Mensch-Maschine-Schnittstellen, die weit über die heutige Nutzung von Devices wie Smartphones und Tablets hinausgehen werden – endgültig mit der virtuellen Welt der Dinge, Daten und Dienste verknüpft.

»Der Mensch verschmilzt in immer vielfältigeren Mensch-Maschine-Schnittstellen mit der virtuellen Welt der Dinge, Daten und Dienste.«

Die digitale Transformation erfasst also nicht nur die Wirtschaft, sondern den Menschen selbst. Es entstehen gerade Technologien, die die Trennung zwischen industriellem Fortschritt und Individualität ins Wanken bringen. Vor allem die Quantensprünge, die wir in wenigen Jahren bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz erleben werden, werfen die Frage auf, was passiert, wenn Maschinen immer menschenähnlicher werden bzw. wenn der menschliche Körper selbst zum Werkzeug wird – wie beispielsweise bei der ständigen Arbeit mit dem sehr bald als vorsintflutlich anmutenden iPhone, wo die eigene Hand sozusagen zur Prothese bzw. Applikation wird, mit der das gesamte soziale und berufliche Leben organisiert wird.

Im Zuge dieses Trends zum Mensch-Maschine-Kontinuum, über den bereits seit Jahrzehnten vor allem in der Literatur und in Hollywood in romantisch-kritischen Cyborg-Visionen reflektiert wird, wird sich letztlich das gesamte Leben ändern: Die Verschmelzung von Arbeit und Leben ist das eigentlich relevante Thema, das durch die Diskussion um rein industriepolitische Aspekte der digitalen Transformation verdeckt wird. Denn die Welt von morgen wird sehr schnell eine andere sei: Wenn sich alle Gewissheiten und Institutionen verflüssigen und die Grenzen in der Industrie und im Alltag zwischen dem Virtuellen und Materiellen sich immer weiter auflösen, dann entsteht etwas, dass Zygmunt Bauman bereits vor Jahren mit „Liquid Modernity“ beschrieben hat.

»Die Auseinandersetzung über die soziale und politische Gestaltung der digitalen Transformation ist im vollen Gange und sollte nicht ohne die Designer geführt werden.«

Die „Liquid Modernity“ löst nun Zug um Zug die “Heavy Modernity” ab. Alles was vorher “heavy” war – also Maschinen, große Fabriken, Hardware, große Stückzahlen, riesige Volumen und fordistische Arbeitsorganisation – geht immer mehr in den Zustand der Verflüssigung über. Alles was vorher hart und solide war, verliert nun seine feste Gestalt, seinen “shape”. Liquide Strukturen behalten dagegen ihre Gestalt nur für kurze Zeit und unterliegen einem fortlaufenden Wandel. Sie verlieren aber auch ihre gravitätische Schwere und gewinnen an Leichtigkeit. Für die soziale Welt bedeutet “Liquid Modernity” zunächst einmal einen prekären Prozess der Auflösung: “What is a truly novel feature of this social world, and makes it sensible to call the current kind of modernity liquid in opposition to the other earlier known forms of modern world, is the continuous and irreparable fluidity of things which modernity in its initial shape was bent to solidifying and fixing” (Zygmunt Baumann).

Gerade für Designer sollte deshalb die Frage im Mittelpunkt stehen, wie sich unter den Bedingungen der Liquid Modernity der Alltag der Menschen transformiert, und mit welchen neuen Strategien sie sich diese Realität aneignen. Die Folgen einer Verschmelzung von Leben und Arbeit sind noch nicht absehbar. Es wird sich zeigen, ob dieser Weg in ein Reich der Freiheit führt oder zum vollständigen Kontrollverlust über das eigene Leben. Die Auseinandersetzung über die soziale und politische Gestaltung der digitalen Transformation ist also im vollen Gange und sollte nicht ohne die Designer geführt werden.

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